Blog · Kurzartikel

Mit oder ohne »Riester«?

Sind finanzielle Kompetenz und »Riester«-Produkte vereinbar?

DHVon Daniel Huber · finanzuni.blog · ca. 7 Min.

Millionen Menschen in Deutschland gieren nach Sparprodukten mit »staatlicher« Förderung. Offenbar hoffen sie darauf, dass ihre individuelle Förderung größer ist als ihre individuelle Belastung.

»Zum Glück gibt es die RiesterReform! Mit einem Riester-Produkt bilde ich ganz sicher Vermögen, schließlich heißt das zugrundeliegende Gesetz doch sogar ›Altersvermögensgesetz‹. Der Staat macht uns doch nichts vor!« So denkt angeblich die Mehrheit der Deutschen (51%). Denken Sie das auch? Sie mögen ja fast immer recht haben, doch hier erliegen Sie dann einem Irrtum.

Mit einem »RiesterProdukt« nach dem Altersvermögensgesetz können Sie überhaupt kein Vermögen bilden (paradox), sondern real allenfalls ein ganz klein wenig Ihre Ersparnisse erhöhen — falls überhaupt.

Kaufkraft entscheidet

Aber wer heute Geld für später beiseite legt, will doch später mindestens soviel dafür kaufen können wie heute, normalerweise sogar mehr, schließlich verzichtet derjenige heute — und zugunsten eines anderen — auf die Kaufkraft seiner Ersparnisse. Deshalb entscheidet die zukünftige Kaufkraft, also das reale Sparergebnis darüber, ob Sie tatsächlich gespart oder nicht vielmehr Geld vernichtet haben!

Je geringer die Rendite, desto eher wird sie von der Inflation aufgezehrt. Da sowohl Vermögensbildung als auch Altersvorsorge langfristig ausgerichtet sind und wir auf lange Sicht erfahrungsgemäß mit deutlicher Inflation rechnen müssen, betrügen Sie sich selbst um Ihre Ersparnisse, wenn Sie Anlageformen wählen, deren Renditen schon von vornherein kaum höher sind als die bisherige langfristige Geldentwertung.

Effektive Durchschnittsrendite

Sehen wir uns deshalb beispielhaft eines der besten »Riester-Produkte« an. Es ist eines der »besten« Produkte nach dem Altersvermögensgesetz, weil

es alle dessen Bedingungen erfüllt und trotzdem eine überdurchschnittliche effektive Durchschnittsrendite erwarten lässt, also ein überdurchschnittliches Sparergebnis. Je höher das Sparergebnis, desto höher auch Ihre zukünftige Rente. Und das wollen Sie doch, oder etwa nicht? Sie können bei diesem »RiesterProdukt« einen Teil Ihrer Sparraten in Beteiligungspapiere investieren (müssen es aber nicht).

Beteiligungspapiere erreichen langfristig zwangsläufig die mit großem Abstand höchste effektive Durchschnittsrendite. Dieses »RiesterProdukt« klingt auch deshalb sehr verlockend, weil Sie aus verschiedenen Fonds bis zu 5 Fonds auswählen dürfen, diese alle 12 Monate kostenlos wechseln können und die Fondsanteile ohne Ausgabeaufschlag erhalten.

Sehr verlockend. Schließlich wird Ihnen bewußt sein, dass alle Gebühren, die Sie für eine bestimmte Spar- oder Anlageform

zahlen, die mindern. realisierbare Rendite

Kostenarten und Kostensätze

Möglicherweise ist Ihnen weniger bewußt, dass die Kostensätze eines Riester-Produkts naturgemäß außergewöhnlich hoch sind. »Naturgemäß«, weil es nur natürlich ist, dass stark regulierte Produkte außergewöhnlich teuer sind (jede Regulierung kostet alle Beteiligten viel Geld). Dann bleibt die Frage, wo die Kosten bei diesem Riester-Produkt versteckt sind.

Wohl kein Gesetz ist völlig nutzlos, entsprechend birgt auch das Altersvorsorgeverträge-Zertifizierungsgesetz (das heißt wirklich so) wenigstens einen Vorteil: Es verpflichtet die Anbieter von Riester-Produkten, die Kostensätze vor Antragstellung mitzuteilen. Die Kostensätze des betrachteten Produkts lauten:

Abschluß- und Vertriebskosten 6,525% aller bis zum Rentenbeginn zu zahlenden Beiträge

Verwaltungskosten Bis zum Rentenbeginn jeden Monat 2,08 Euro und zusätzlich 6% aller bis zum Rentenbeginn zu zahlenden Beiträge Tab. Kostensätze eines »Riester«-Produkts

Da sind die Kosten also versteckt! Von allen Ersparnissen, die Sie zugunsten dieses (noch überdurchschnittlich guten) Riester-Produkts einzahlen, werden sofort mehr als 12,525% einbehalten. Beträgt Ihr Eigenbeitrag für diesen Altersvorsorgevertrag ab 2008 zum Beispiel 600 Euro im Jahr, dann gehen Ihnen davon sofort mehr als 100 Euro, also 16,7% verloren! Von jeden 600 Euro sind dann jeweils 100 Euro sofort weg und können für Sie niemals mehr Erträge erwirtschaften.

Zeitpunkt der Kostenbelastung

Und das ist noch nicht alles: Die Abschluß- und Vertriebskosten werden nicht nur auf alle Ihre Beiträge bis zum Rentenbeginn erhoben, sondern komplett von denjenigen Beiträgen abgezogen, die Sie in den ersten 10 Jahren leisten — obwohl gerade diese für Sie am wichtigsten sind. Das bedeutet konkret in diesem Fall: Nehmen wir zur Vereinfachung an, Sie sparen 30 Jahre lang unverändert die 600 Euro. Dann

gehen Ihnen in den ersten 10 Jahren von jeden 600 Euro sofort 178,41 Euro, also 29,7% verloren! Diese 29,7% Ihrer Ersparnisse können für Sie niemals mehr Erträge erwirtschaften. Da das Sparergebnis umso höher ist, je länger sich Ersparnisse verzinsen können, ist das Sparergebnis bei einem solchen RiesterProdukt umso niedriger. Deshalb ist es auch gleichgültig, dass die Abschlußund Vertriebskosten bei diesem Produkt auf 30 Jahre begrenzt sind.

Falls Sie jetzt denken: »Das alles ist in meinem Fall nicht weiter schlimm, weil ich ein geringes Einkommen und viele Kinder habe und der ›Staat‹ deshalb den größten Teil meiner Altersvorsorge trägt«, dann ist das leider wieder ein Irrtum. Denn laut Vertragsbedingungen werden auf die staatlichen Zulagen zwar keine Kosten erhoben, aber die Zulagen werden »im übrigen Vermögen« des Anbieters angelegt.

Und das sind regelmäßig lediglich nominalwertgesicherte Rentenpapiere. Das heißt: Die staatlichen Zulagen werden nicht in den Anlageformen oder Anlagetiteln angelegt, die Sie bevorzugen und deshalb ausgewählt haben. Zu erwartende Rentenhöhe Was bedeutet das nun in konkreten Zahlen für Ihr Sparergebnis? Das lässt sich erst sagen, wenn Sie nicht nur wissen, wieviel Sie und (vermeintlich) der »Staat« zugunsten eines solchen Vertrags einzahlen, sondern auch wissen, wieviel Sie am Ende herausbekommen, also wie hoch Ihre »staatlich« geförderte Rente sein wird.

Natürlich ohnehin nur nominal, also nach heutiger Kaufkraft. Greifen wir hier aus didaktischen Gründen ein Beispiel mit hohem Einkommen und entsprechend »hoher« Rente heraus: Familienstand

Single, ein Kind JahresBruttoeinkommen 44.000 €

Anfängl. Gesamtbeitrag in 2002 440 € Anfängl. Eigenbeitrag in 2002

356 € Anfängl. staatliche Förderung in 2002 Garantierte monatl. Rente nach 30 Jahren

38 € Grundzulage + 46 € Kinderzulage = 84 € 323 €

Tab. »Riester«-Renten-Beispiel Dazu müssen Sie noch wissen, dass Ihre Beitragszahlungen und die staatlichen Zulagen automatisch nach den Förderstufen gemäß Altersvermögensgesetz angepaßt werden, so dass im obigen Beispiel ab 2008 bei unverändertem Familienstand und Einkommen ein jährlicher Eigenbeitrag in Höhe von 1.421 Euro zu leisten wäre!

3,5%. Wenn Sie bedenken, dass die langfristige Durchschnittsinflation der vergangenen Jahrzehnte 3,1% betrug, halten Sie es dann nicht auch für unverantwortlich, dass die staatliche Rentenpolitik bewußt eine Anlageform fördert, die den Bürgern real Verluste beschert? Der Unsinn »staatlicher« Förderung

Hier wird also auf Basis des Eigenbeitrags und der »staatlichen« Zulagen eine monatliche nominale Rente von 323 Euro versprochen, wofür bei der dem Unternehmen unterstellten Kalkulation mit 6% Jahreszins (und ohne nominalen Kapitalverzehr) ein Kapital in Höhe von lediglich 64.600 Euro erforderlich ist. Wieviel entsteht wirklich? Bei eigener zielorientierter Investition allein nur des betreffenden Eigenbeitrags waren in den vergangenen 30 Jahren hingegen über 1,4 Millionen Euro erzielbar und Sie müssen davon ausgehen, dass sich das auch in den nächsten 30 Jahren nicht grundsätzlich ändert.

Aus 1,4 Millionen Euro können Sie sich (ebenfalls mit 6% Jahreszins kalkuliert) eine lebenslange monatliche Zusatzrente in Höhe von 7.000 Euro genehmigen, ohne dass Sie Ihr Vermögen angreifen müssten. Bei einer unterstellten Durchschnittsinflation von 3,1% auch für die nächsten 30 Jahre würden Sie mit dem Riester-Produkt eine reale anfängliche monatliche Rente von 129 Euro erzielen, bei eigener zielorientierter Investition Ihrer Ersparnisse hingegen 2.800 Euro, also mehr als einundzwanzig mal soviel!

Vergessen Sie dabei nicht, dass die Riester-Rente nur nominal garantiert wird und somit deren Kaufkraft bei Inflation noch weiter sinkt, während Sie ohne RiesterRente eigenes Vermögen besitzen werden, welches für Sie wächst und Ihnen deshalb sogar noch eine steigende reale Rente garantiert.

Machen Sie sich dazu bewußt, dass hier die auf den Gesamtbeitrag bezogene Durchschnittsrendite von 2,1% maßgeblich ist, weil der Rest mit den als Sparzulagen ausgeschütteten Steuerzahlungen der Bürger finanziert wird. Unfaßbar, dass die Mehrheit in Deutschland selbst im entwickelten dritten Jahrtausend nach Christus immer noch Politiker wählt, die die Bürger systematisch ärmer machen.

Unfaßbar! Egal welches Einkommen und welchen Familienstand Sie persönlich haben, egal wie hoch Ihre »staatlichen« Zulagen sind und egal wieviel Sonderausgabenabzug Sie möglicherweise zusätzlich geltend machen können: Ein gemäß Altersvermögensgesetz reguliertes Riester-Produkt bietet Ihnen entweder nicht die für langfristige Ersparnisse einzig sichere Anlageform oder es verursacht unnötig hohe Kosten (die Ihre effektive Durchschnittsrendite und damit auch Ihre zukünftige Rente stark verringern).

In den meisten Fällen gilt sogar beides. Aber eigenes Vermögen verschafft Ihnen ein Riester-Produkt keinesfalls. Das liegt an den damit verbundenen Förderbedingungen. Nochmal, weil es so unglaublich klingt: Mit staatlicher Förderung 64.600 Euro — und nicht frei verfügbar. Ohne staatliche Förderung über 1,4 Mio. Euro — und frei verfügbar.

Wer bekommt das meiste? Warum ist die »staatlich« geförderte Rente solcher Sparverträge so unverantwortlich niedrig? Weil deren Renditen so niedrig sind! Der hier wiedergegebene Rentensparvertrag führt zu einer auf den Gesamtbeitrag bezogenen Durchschnittsrendite von jährlich 2,1% und zu einer auf den Eigenbeitrag bezogenen Durchschnittsrendite von jährlich auch nur

Gier macht nicht glücklich, aber Sturheit und Dummheit machen nicht einmal froh.

Vom Autor gibt es auch das Standardwerk »Die Grundsätze der Vermögensbildung und Altersvorsorge«, kurz ® »ReichtumsG und DurchführungsV«, ISBN 3-935363-99-0.

Dieser Beitrag stammt aus dem Wissensarchiv der FinanzUni und wurde für finanzuni.blog überarbeitet. Konkret werden: in der Rubrik Umsetzung oder im kostenlosen Gespräch.
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