Geldanlage oder Vermögensbildung?
Nur systematische Vermögensbildung führt sicher zu Vermögen
Schon im Elternhaus wird uns beigebracht, wie wir mit unserem Geld umgehen sollen. Welche Spar- und Anlageformen »sicher« und welche »riskant« seien. Unser Leben lang werden diese übernommenen Überzeugungen von diversen Ratgebern bestärkt. Doch frühzeitig systematisch zu denken hat große Vorteile.
Was nützt der Stadtplan von Monaco, wenn man in der Nordsee treibt? Jeder Mensch weiß, welch großen Unterschied es macht, ob man vermögend ist oder nicht. Darf es da überraschen, dass es ebenso große Unterschiede gibt zwischen der Wegbeschreibung für jene, die schon Vermögen haben und es anlegen wollen, und der Wegbeschreibung für jene, die erstmal Vermögen bilden müssen?
Ob jung oder alt, Mann oder Frau, Geringverdiener oder Spitzenverdiener: Je früher finanzielle Kompetenz erlangt wird, desto eher resultiert finanzielles Vermögen. Sicher wollen gar nicht alle Menschen reich werden. Aber Vermögensbildung ist gleichzeitig die beste Altersvorsorge. Und das wollen wohl alle. Deshalb lohnt es sich, möglichst frühzeitig den Kopf von allem anerzogenen Ballast zu befreien und einmal systematisch über Vermögensbildung nachzudenken.
Wer Vermögen bilden oder für das Alter vorsorgen will, ohne sich auf Glück oder Hoffnungen zu verlassen, muss langfristig und regelmäßig einen Teil der Kaufkraft aufbewahren, also sparen. Der erste, leider weithin unbekannte Grundsatz finanzieller Kompetenz ist die strikte Trennung der Ersparnisse nach der Ansparzeit, die mit jedem Verwendungszweck verbunden ist!
Weil Millionen Menschen diesen Grundsatz finanzieller Kompetenz nicht einhalten, treiben sie bis an ihr Lebensende in der Nordsee. Das heißt, sie erreichen nie ihre finanziellen Ziele und jammern alle paar Jahre bei niedrigen oder negativen Renditen, die falsche Anlageform für ihre Ersparnisse gewählt zu haben. In Wirklichkeit paßte die gewählte Anlageform nicht zur Ansparzeit!
Um das zu verstehen, müssen wir kurz auf die Risiken für Ersparnisse eingehen.
Welche Risiken sind mit allen Ersparnissen verbunden? Wer spart, wünscht irgendwann die Rückzahlung der Ersparnisse (Rückzahlungsrisiko). Weil derjenige, dem wir unsere Ersparnisse geben, diese Kaufkraft heute nutzen kann, wir aber nicht, erwarten wir in der Regel als Ausgleich eine zukünftige Vermehrung unserer Ersparnisse (Vermehrungsrisiko).
Da die zukünftige Rückzahlung und Vermehrung der Ersparnisse wenig bis nichts nützt, wenn diese infolge von Währungsreform oder Inflation weniger wert sind, verlangen wir in jedem Fall noch Geldwertstabilität unserer Ersparnisse (Geldwertstabilitätsrisiko). Diese drei Risiken sind die Kernrisiken für alle Ersparnisse und sie können in einer Risikovariablen zusammengefaßt werden, nämlich im Renditerisiko: Je geringer die Vermehrung der Ersparnisse, desto geringer auch die reale Rendite.
Werden die Ersparnisse nicht einmal in voller Höhe zurückgezahlt, dann ist die Rendite sogar negativ. Und je geringer die Geldwertstabilität, desto geringer wiederum die reale Rendite. Unter der Voraussetzung, dass bei jeder Anlageform mehrere Anlagetitel gewählt werden, lässt sich der Zusammenhang von Risiko, Anlageform und Ansparzeit sehr anschaulich darstellen:
Im Falle einer kurzen Ansparzeit ist das gewichtete Gesamtrisiko, nämlich das Renditerisiko, beim Sparbuch und bei Geldmarkttiteln am geringsten: Kurzfristig ist hier die geldwertstabile Rückzahlung und geringfügige Vermehrung der Ersparnisse sicher. Im Falle einer kurzen Ansparzeit ist das Risiko bei Aktien am größten: Der Kurs kann noch am selben Tag unerwartet stark sinken, so dass kurzfristig nicht einmal die Rückzahlung der Ersparnisse in voller Höhe sicher ist, schon gar nicht deren reale Vermehrung.
Im Falle einer langen Ansparzeit ist das Risiko beim Sparbuch und bei Geldmarkttiteln am größten: Der Wert der zurückgezahlten und geringfügig vermehrten Ersparnisse sinkt parallel mit dem Geldwert. Und langfristig sinkt der Geldwert. Im Falle einer langen Ansparzeit ist das Risiko bei Aktienfonds am geringsten: Langfristig ist hier die Rückzahlung und reale Vermehrung der Ersparnisse infolge der Kombination von Streuung und Beteiligungspapieren sicher — ebenso sicher wie beim Sparbuch und bei Geldmarkttiteln bei kurzer Ansparzeit.
Eine »kurze« Ansparzeit kann einige Monate, eine »lange« Ansparzeit kann 15, 20 oder noch mehr Jahre bedeuten. Je länger Kaufkraft für die Zukunft aufbewahrt werden soll, desto überproportional größer wird sowohl die Bedeutung der durchschnittlichen Jahresrendite als auch die des Geldwertstabilitätsrisikos. Deshalb irren all die Millionen Menschen ganz gefährlich, die die gegenwärtig negativen Renditen von Aktien und Aktienfonds zum Anlaß nehmen, sich von der Börse abzuwenden.
Wer langfristig, regelmäßig und international gestreut in Aktien oder Aktienfonds investierte, konnte noch nie Verlust machen. Nach aller historischen Erfahrung, also inklusive der Weltkriege und der Weltde1/2
pression ab 1929, bieten Beteiligungspapiere bei langer Ansparzeit die höchste Rendite, also die höchste Sicherheit für die Rückzahlung und reale Vermehrung der Ersparnisse. Selbst wer das Gebot zielorientierter Streuung nicht befolgte und stattdessen 20 Jahre lang von 1982 bis 2002 jeden Monat ausschließlich in die deutschen DAX-Papiere investierte und obendrein ausgerechnet im September 2002 zum niedrigsten Stand »um jeden Preis« alles verkaufen wollte, erzielte immer noch eine Rendite von 8,9% pro Jahr.
Da kann keine staatlich noch so sehr geförderte Anlageform mithalten — und »RiesterProdukte« am allerwenigsten. Schon der Durchschnitt internationaler Aktienfonds erzielte im Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte 13,3% Rendite pro Jahr. Wer nur einmal und womöglich auch noch mit kurzem Anlagehorizont Geld in Aktien oder Aktienfonds investiert, ist bei einem Aktiencrash, einer langanhaltenden Börsenflaute oder plötzlicher Finanznot natürlich der Dumme.
Aber wer regelmäßig und zielorientiert gestreut in Aktien oder Aktienfonds investiert und auf die Rückzahlung der investierten Sparraten langfristig verzichten will und verzichten kann, ist immer der Gewinner. Zur Veranschaulichung ein Beispiel: Datum Feb März April
Sparrate Kurs Anteilsstücke 1,0 2,0 3,0 Aus Platzgründen verknüpfen wir eine besonders kurze Ansparzeit von nur zwei Monaten mit besonders starken Kursschwankungen und legen eine monatliche Sparrate von 100 zugrunde. Zum Investitionsbeginn am 1. Februar sei der Kurs 100 und wir erhalten für unsere Sparrate 1,0 Anteilsstücke. Noch vor dem 1.
März fällt der Kurs auf die Hälfte und wir erhalten diesmal für unsere Sparrate 2,0 Anteilsstücke. Bis zum 1. April erholt sich der Kurs von 50 auf 70, wir investieren jedoch nicht mehr, so dass unsere Ansparzeit tatsächlich nur zwei Monate beträgt. Insgesamt haben wir 200 investiert und uns gehören 3,0 Anteilsstücke, die nun jeweils 70 wert sind.
Am 1. April könnten wir somit zu 70•3,0=210 verkaufen, haben aber nur 200 investiert. Das ermöglicht bereits einen Gewinn, obwohl der Kurs immer noch 30% unter unserem ersten Einstandspreis liegt!
Im Durchschnitt haben wir 200/3,0 =66,67 je Anteil bezahlt. Jemand, der zu denselben Investitionszeitpunkten eine bestimmte Zahl Anteile kauft (egal wieviele), zahlt hingegen mehr, nämlich in diesem Beispiel 75 je Anteil. Die auf diesen Vergleich bezogene Senkung des durchschnittlichen Einstandspreises (Kaufkurses) wird CostAverage-Effekt genannt.
Sonderpreise werden automatisch ausgenutzt und Weihnachtspreise gemieden. Wie jeder selbst prüfen kann, ergibt sich der Cost-Average-Effekt unabhängig davon, in welche Richtung der Kurs schwankt. Gerade die Kursschwankungen (Volatilität) von Beteiligungspapieren führen also zu einem ganz besonderen Geschenk: eines, das wir erhalten, ohne dass es jemand anderer hergeben muss!
Zudem bewirkt die Senkung des durchschnittlichen Einstandspreises (Kaufkurses) natürlich eine Erhöhung des zukünftigen Gewinns und der Rendite. Deshalb sind auch die Renditen derjenigen, die langfristig und regelmäßig in volatile Beteiligungspapiere investieren, in der Regel noch deutlich höher als die publizierten Renditen der betreffenden Anlagetitel selbst.
In einem Folgeartikel werden wir auf die erheblichen qualitativen und quantitativen Unterschiede der Renditen bei den beiden Investmentarten Vermögensbildung und Vermögensverteilung eingehen. Last but not least macht die Senkung des durchschnittlichen Einstandspreises das Investment dauerhaft sicherer. Schließlich ist ein Verlust nur möglich, wenn der Kurs zum Ende der Ansparzeit unter unserem durchschnittlichen Einstandspreis liegt (im obigen Beispiel müsste er dazu wieder unter 66,67 fallen).
Fazit: Bei Vermögensbildung in Form von Ratensparen bedeuten Kursschwankungen und erst recht Crashs gerade kein Risiko, sondern langfristige Sicherheit! Also unbedingt für alle Zukunft merken: Alle Risiken hängen von der Ansparzeit ab und die richtige Anlageform richtet sich nach der Ansparzeit. Der vielzitierte »Anlegertyp« und dessen »Risikoneigung« ist belanglos.
Wer über »Verluste« mit Aktien oder Aktienfonds klagt, hat die für diese Anlageform notwendige lange Ansparzeit nicht eingehalten und einen Gewinn gar nicht verdient. Und obendrein hat derjenige oder diejenige zumeist auch noch die falsche Investmentmethode gewählt: Wer sicher reales Vermögen bilden oder für das Alter vorsorgen will, ohne sich auf Glück oder Hoffnungen zu verlassen, muss langfristig und
regelmäßig in volatile Beteiligungspapiere investieren. Damit tatsächlich langfristig auf die Verfügbarkeit der Sparraten verzichtet werden kann, muss zuerst ein hinreichendes Finanzpolster für unerwartete, notwendige Ausgaben oder den vorübergehenden Einkommensverlust beiseite gelegt werden. Auch dürfen wir natürlich nur jene Sparraten in Beteiligungspapiere investieren, die wir dauerhaft für unsere Vermögensbildung verwenden können und wollen.
Da viele Menschen gar nicht wissen, wie man spart, sei auch darauf noch kurz eingegangen. Um Vermögen zu bilden, genügt Grundsparen und Zusatzsparen. Grundsparen bedeutet, dass von allen regelmäßigen Einnahmen immer zuerst wenigstens 10% dauerhaft beiseite gelegt werden. Die 10% spürt man gar nicht, wenn man sich von vornherein daran gewöhnt und zur Vermögensbildung oder Altersvorsorge motiviert ist.
Wer das Sparen noch nicht gewohnt ist, dem wird es vielleicht schwer fallen, die eingegangenen Zahlungsverpflichtungen zu reduzieren. Aber offenbar gelang es demjenigen schon öfter, eine Einkommenserhöhung zu erzielen, sonst hätten keine erheblichen Zahlungsverpflichtungen eingegangen werden können. Spätestens mit der nächsten Einkommenserhöhung kann dann regelmäßig gespart werden.
Und Zusatzsparen ist sowieso immer möglich. Denn Zusatzsparen bedeutet, dass von allen Einnahmen, die über die aktuellen regelmäßigen Einnahmen hinausgehen, wenigstens 50% zur Vermögensbildung verwendet werden: von jeder Netto-Einkommenserhöhung, vom Weihnachtsgeld, von der Steuerrückzahlung, vom Geldgeschenk und so weiter. Millionen Menschen haben ihr Leben lang gespart, Geld angelegt und vielleicht auch Lotto gespielt, aber wahre Vermögensbildung nie betrieben.
Diese Menschen werden in finanzieller Hinsicht für immer in der Nordsee treiben und können niemals Wohlstand lieben.
Vom Autor gibt es auch das Standardwerk »Die Grundsätze der Vermögensbildung und Altersvorsorge«, kurz ® »ReichtumsG und DurchführungsV«, ISBN 3-935363-99-0.